Eine Reise in die 1200-jährige Vergangenheit unseres Kirchengebäudes

Die historischen Wurzeln unserer kleinen Kirche reichen vermutlich sehr weit zurück. Schon 450 Jahre vor der Gründung Bielefelds, um 800 n. Chr., hat der Bauer des Hofes Schildesche die erste christliche Kapelle in dieser Region, die Kerken Johannes over den Dieken (Kirche oberhalb der Teiche), erbauen lassen.
Diese kleine, dem Täufer Johannes geweihte Kirche, stand vermutlich am Südfuß des Kapellenbrinks zwischen der Vilsendorfer und Engerschen Straße.
Es ist wahrscheinlich, dass dieses alte Gebäude ca. 860 Jahre später einen Teil des Baumaterials für unsere Kirche gespendet hat und damit als Ursprung unseres heutigen Kirchleins anzusehen ist.

HeiligenschreinDie Entstehung unseres Kirchengebäudes ist eng mit der Geschichte des Stifts Schildesche verflochten, daher ein kurzer Blick auf die geschichtliche Entwicklung des Stifts:
Die Adelige Marswidis gründete 939 n. Chr. nach dem Muster des Klosters Herford in Schildesche ein Kloster für Stiftsdamen. Diese Stiftdamen, die so genannten Kanonissen, zeichnete eine Besonderheit aus: sie hatten kein Armutsgelübde abgelegt und konnten somit weltliche Güter besitzen und verwalten. Zum Stiftsgut gehörten acht Höfe. Marswidis reist in der Folgezeit selbst nach Rom, um Reliquien Johannes des Täufers zu erhalten.
Das Gotteshaus des Schildescher Stifts, die erste Stiftskirche ohne Turm (fertiggestellt gegen 960), ist vermutlich um 1250 durch einen Brand zerstört worden. Zu dieser Zeit gaben die Stiftsdamen ihre gemeinsame Lebens- und Haushaltsführung auf und bezogen acht eigene Hofstätten, die sich um die Stiftskirche gruppierten.

Aufgrund des Visitationsprotokolls für die Grafschaft Ravensberg (1533) gab es in Schildesche zunächst keine Reformationsbestrebungen Zum ersten Reformationsversuch kam es 1541/42. Hermann Hamelmann setzte die Reformation in Bielefeld dann 1555 durch. Sie führte in den Folgejahren auch zu einer Spaltung der religiösen Einheit des Stifts.
Die entscheidende Aufteilung des Stifts Schildesche erfolgte im Religionsvergleich von 1672. Es wurde festgelegt, dass die Stiftsdamen jeweils zu einem Drittel evangelisch-lutherisch, evangelisch-reformiert und römisch-katholisch sein sollten. Für die letzteren bestand nun Bedarf für ein zusätzliches Gotteshaus. Ihnen wurde daher die eingangs erwähnte Johannes-Kapelle zugewiesen. Kirchengebäude-um-1904

In einem erneuten Vergleich von 1686 wurden den verbliebenen sieben katholischen Stiftsdamen zugestanden, die alte Johannes-Kapelle abzubrechen und auf ihre Kosten an einen anderen Ort nach Schildesche zu versetzen.
Gründe für den Abbruch gab es genügend. Ein schlechter Weg, der vor allem im Winter nicht mehr gangbar war, sowie Überschwemmungen machten den Gottesdienstbesuch vielfach unmöglich. Die lutherischen Stiftsmitglieder waren zwar zur Ausbesserung des Weges verpflichtet, gegen die Überschwemmungen, hervorgerufen durch den Johannisbach, waren jedoch auch sie machtlos.

Damit begannen die Planungsarbeiten für die Errichtung unserer heutigen Kirche. Hieran war Hermann Tegeler, der erste katholische Pfarrer in Schildesche, maßgeblich beteiligt. Neben der neuen Kirche sollten ursprünglich zusätzlich eine Schule und eine Küsterwohnung entstehen. Aus finanziellen Gründen musste dieses Vorhaben leider wieder aufgegeben werden.
Die für die Nebengebäude erforderliche Kollekte wurde vom Kurfürsten zu Brandenburg nicht genehmigt.
Finanzielle Not plagte insbesondere die in der Minderheit befindlichen katholischen Stiftsmitglieder. Wenn schon Forderungen gegen die evangelischen Stiftsdamen auf Kerzenwachs, Hostien und Wein nicht durchgesetzt werden konnten, dann kann man erahnen, wie groß die Probleme waren, die mit der Finanzierung und der Beschaffung des Baumaterials für die neue Kapelle auftraten. Innenansicht um 1900

Mit den Abbrucharbeiten wurde am 6. Juni 1686 begonnen. Gleichzeitig ist auch das mit der Kapelle verbundene Kranken- und Armenhaus, das so genannte Cluß, mit abgebrochen worden. Da die Steine des Cluß von der Dekanin des evangelischen Stifts angeblich zu privaten Zwecken verwendet wurden, hat die katholische Seite hierfür Ausgleichszahlungen gefordert.

Die ersten Monate des Jahres 1688 vergingen mit der Beschaffung des Baumaterials. Am 20. Juni 1688 wurde der Bauvertrag mit dem Mauermeister Hans Fucker aus Melle geschlossen.
Die Grundsteinlegung erfolgte dann am 6. Juli 1688. Der Grundstein trägt die Kennzeichnung "JMJ" (=Jesus, Maria, Johannes). Wie bereits auch die alte, so wurde auch die neue Kapelle Johannes dem Täufer geweiht.
In Riesenschritten ging es mit dem Bau voran. Bereits am 12. Oktober 1688 war das Mauerwerk fertiggestellt. Schon am 28. November 1688 konnte der erste Gottesdienst mit allen Instrumenten gehalten werden. Obwohl die Kirche noch nicht wie heute mit einem Gewölbe aus Stein versehen war, wurden die Gottesdienste ab diesem Zeitpunkt regelmäßig fortgesetzt.
Beichtstuhl-Pfr-Tegeler
Im Folgejahr 1689 waren nur Mittel zur Nachbesserung des Daches und der äußeren Wände vorhanden. Geld- und Materialnot verhinderten zunächst die endgültige Fertigstellung. In der Folgezeit bis 1692 ruhte die Bautätigkeit. In 1692 wurde die kath. St. Martinskapelle an der Regt abgebrochen. Das Abbruchmaterial konnte ebenfalls zum Neubau verwendet werden.
Im Jahre 1693 übernahm Mauermeister Thomas Gluchk die weiteren Bauarbeiten. Unter seiner Regie erfolgte der Bau des Gewölbes, der innere Putz der Kirche sowie die Legung des Altarsteines. Die gesamten Baukosten wurden auf 672 Taler beziffert. Nach der Vollendung der Arbeiten erfolgte im Jahre 1694 endlich auch die feierliche Weihe durch Generalvikar Jodokus Frihoff.

In der Folgezeit ist die Johannes-Kapelle bis zum Jahre 1912 als katholisches Gotteshaus genutzt worden.
In den Jahren 1929 bis 1949 wurden dann keine Gottesdienste mehr abgehalten. Die sehr schöne Barock-Pieta, der Altar und das Reliquien-Kästchen wurden in die im Jahre 1912 eingeweihte neue Katholische Kirche an der Ringenbergstraße gebracht.

Neues Leben zieht im Jahre 1950 ein. Die Neuapostolische Kirche mietet die Kapelle an. Mit einem enormen Einsatz auch privater Mittel richten die Gemeindemitglieder in ca. 2500 Arbeitsstunden die Kirche wieder zu Gottesdienstzwecken her. Es wird ein neuer Fußboden eingezogen, die Empore vollständig erneuert, eine Garderobe eingebaut, ein selbstentworfener Altar gefertigt und eingebaut sowie das Chorfenster über dem jetzigen Altar zugemauert.Innenansicht-nach-1950
Am 16 April 1950 weiht Bezirksapostel Walter Schmidt die renovierte unter Denkmalschutz stehende Kirche.

Im Jahr 1987 erwirbt die neuapostolische Kirche das Grundstück und Kirchengebäude von der Stadt Bielefeld. Durch das rege Gemeindeleben mit einem erweiterten Betätigungsspektrum hat sich schon seit längerem große Raumnot eingestellt. Daher sind neue Baumaßnahmen angesagt. Insbesondere die Auflagen des Denkmalschutzes erfordern eine sensible Planung um alte und neue Gebäudesubstanz harmonisch zu verbinden.
Der alte Fachwerkanbau, bisher als Sakristei genutzt, muss wegen Baufälligkeit vollständig abgerissen und die Verbindungsöffnung zugemauert werden. Als Ersatz wird der Neubau des Gemeindehauses mit Räumen für Kinder, Jugendliche und Senioren einschließlich Teeküche sowie Toiletten errichtet und durch einen Gang mit der alten Kapelle verbunden.
Neubau-Gemeindehaus-1990
Altar und Empore werden vollständig erneuert. Die alte Gasaußenwandheizung weicht einer modernen Fußbodenheizung mit Konvektorenunterstützung. Außerdem wird der morsche Holzfußboden im gesamten Kirchenschiff durch Wesersandstein-Platten ersetzt. Es stehen jetzt ca. 210 Sitzplätze zur Verfügung.

Nach Beendigung der Bauarbeiten erfolgt am 16.12.1990 die Wiedereinweihung des Gotteshauses durch Bezirksapostel Hermann Engelauf.
Die gesamten Baumaßnahmen unterstreichen den schlichten, sakralen Charakter des Gebäudes. Sie verbessern auch zusätzlich die ohnehin schon gute Raumakustik. Chor und Instrumentalmusik, die den Rahmen jeden Gottesdienstes bilden, können sich hier hervorragend entfalten.

Der interessierte Besucher ist jederzeit zu den Gottesdiensten willkommen. Darüber hinaus können besondere Besichtigungstermine vereinbart werden.
Das Kirchengebäude ist jährlich zum Tag des offenen Denkmals der Allgemeinheit zugänglich.

Tabellarische Übersicht:

 

um 800

Bau der Kirche des Meiers zu Altenschildesche genannt Kirche "Johannes over den Dieken"

9.12.1686

Im Vergleich zwischen den kath. u. ev. Stiftsmitgliedern u.a. wird geregelt, dass die Kapelle St. Johannes abgebrochen und an den heutigen Standort versetzt werden soll.

6.6.1687

Beginn der Abbrucharbeiten der alten Johannes-Kapelle

20.6.1688

Schriftlicher "Bau-Contract" mit Steinhauer- und Mauermeister Hans Fucker aus Melle

6.7.1688

Grundsteinlegung der neuen Johannes-Capelle

12.10.1688

Fertigstellung des Mauerwerkes ohne Gewölbe

28.11.1688

Der erste Gottesdienst in der neu erbauten Kapelle wird mit allen musikalischen Instrumenten gehalten, obwohl das "Gewölbe" noch nicht fertig gestellt war.

1690 -1692

Keine Bautätigkeit

1693

Mauermeister M. Thomas Gluchk übernimmt den Bau des "Gewölbes", Verputzung der Kirche und Legung des Altarsteines

April 1694

Fertigstellung des Innenputzes

24.6.1694

Feierliche Weihe der neuen Kirche durch General-Vicar Jodocus Frihoff.

bis 1929

Nutzung als kath. Gotteshaus

1929- 1949

Das Kirchengebäude wird nicht mehr zu sakralen Zwecken genutzt.

1950

Die Stadt Bielefeld erwirbt das Gebäude und vermiete es an die NAK. Durch NAK erfolgte umfassende Renovierung

16.4.1950

Bez.- Ap. Walter Schmidt weiht die Kirche

1987

Kirchengebäude und Grundstück werden von der NAK erworben. Im Anschluss hieran erfolgt der Anbau eines Gemeindehauses

16.12.1990

Wiedereinweihung durch Bez.- Ap. Engelauf

 

Neuapostolische Kirche NRW, Gemeinde Bi-Schildesche, Stand: 03.08.2010
NAK Bi, Westerfeldstr. 12, erbaut 1688

Gottesdienst:
Sonntags 09:30 h
Mittwochs 19:30 h
 

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